Teheran? Lohne!
Was helfen kann, sich im Krieg nicht hilflos zu fühlen
Na, heute schon geschaut, was im Iran gerade wieder passiert ist? Man kommt ja gar nicht mehr hinterher in dem Wirrwarr, das sich seit den Angriffen von Israel und den USA entwickelt hat. Stündlich sind da neue Schlagzeilen.
Irans oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei getötet!
Krieg weitet sich aus – Angriffe im Libanon, in Saudi-Arabien und Kuwait!
US-Kriegsminister Pete Hegseth feiert: „Amerika entfesselt die tödlichste und präziseste Luftangriffskampagne der Geschichte!“
Explosion am Flughafen von Dubai!
US-Präsident Donald Trump fordert bedingungslose Kapitulation des Iran!
Hilfe! Influencer stecken in Dubai fest!
USA wollen Kurden für Aufstand gegen Teheran bewaffnen!
Und so weiter und so fort.
Ich finde: Diese Schlagzeilen sind tückisch. Einerseits haben sie eine fast magische Anziehungskraft. Es passiert so schnell so viel Weltpolitik, dass man ständig fürchtet, was zu verpassen, wenn man mal einen halben Tag lang nicht auf den Live-Ticker schaut. Andererseits machen die Schlagzeilen müde. Weil man an dem Irrsinn im Nahen Osten von hier aus nichts ändern kann. Mit jeder neuen Kriegsschlagzeile fühlt man sich ein bisschen hilfloser – als klitzekleines Licht in der großen Welt.
Mit diesem Text möchte ich dafür werben, die große Welt ein bisschen weniger zu beachten – und mehr auf die kleine Welt zu schauen. In meinem Fall: weniger nach Teheran, mehr nach Lohne. Auf das, was in unserer Stadt passiert. In unserer Nachbarschaft, in unserem Freundeskreis, in der Schule oder Kita unserer Kinder, im Altenheim um die Ecke.
Die stille, kleine Welt
Ich werbe für den Blick nach Lohne nicht in erster Linie, weil wir Lohner unsere Stadt für den Mittelpunkt der Welt halten (was wir selbstverständlich tun). Und schon gar nicht, weil ich finde, dass wir die Kriege und Krisen der Welt ignorieren sollten. Sondern, weil ich glaube, dass die stille, kleine Welt im Lärm der großen Welt leicht aus dem Blick geraten kann – und dass ein veränderter Fokus da eine Chance ist.
Wer auf die kleine Welt schaut, merkt schnell: Da bin gar nicht hilflos. Da kann ich was verändern. Heute, morgen, jederzeit. In der kleinen Welt gibt es auch Katastrophen, Tag für Tag. Und es gibt Menschen, die diese Katastrophen zu bewältigen versuchen.
Die Katastrophen in der kleinen Welt kommen nicht in der Tagesschau vor oder auf der Startseite von Spiegel Online. Sie haben nichts mit Bomben, Drohnen und Drohungen zu tun. Sondern mit Krankheit, Trauer und Schmerz.
Da sind zum Beispiel:
Der Rentner, der seine an Demenz erkrankte Frau betreut. Er leidet daran, dass sie sich von Woche zu Woche weniger erinnern kann; dass sie manchmal plötzlich aggressiv wird; dass sie immer häufiger nicht mehr die ist, die sie mal war.
Die Familie, deren Tochter ganz plötzlich und viel zu jung gestorben ist. Sie versucht, sich nach diesem furchtbaren Schlag in den Alltag zurückzukämpfen, irgendwie, weil das Leben ja weitergehen muss.
Die Eltern, die ein herzkrankes Kind haben. Sie fahren mit ihm jahrelang weite Strecken, von Spezialklinik zu Spezialklink, von Operation zu Operation – und versuchen, trotz allem auch ihren anderen Kindern gerecht zu werden.
Die junge Frau, die sich von den Zwängen der Corona-Zeit noch immer nicht erholt hat. Sie ist auffällig mager geworden und wirkt in letzter Zeit oft traurig. Aus ihrer Clique zieht sie sich zurück.
Der Mann, der nach acht Jahren Ehe von seiner Frau verlassen worden ist. Er kommt kaum noch klar, weil das Geld jetzt knapp wird, die Kinder leiden, die Einsamkeit schmerzt. Zu den Kartenabenden mit seinen Kumpels geht er nur noch selten.
Jede und jeder von euch kann diese Liste fortsetzen. Kennt Menschen, die zu kämpfen haben. Und kann ihnen helfen. Kann sie ansprechen oder anrufen. Fragen, wie es ihnen geht. Eine aufmunternde Karte schreiben. Sie auf einen Espresso einladen. Ihnen zeigen, dass man sie und ihre Sorgen sieht. Ihnen Unterstützung anbieten. Oder ihnen die Nummer einer professionellen Beratungsstelle geben.
Ich fürchte, wir machen das viel zu selten. Weil der Alltagsstress alles dominiert. Und weil die Kriegsnachrichten die letzte Aufmerksamkeit, die zwischen Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung noch übrig ist, wegsaugen.
Wäre es nicht eine Idee, das ab heute zu ändern? Könnte es vielleicht ein gutes Gefühl geben zu merken, dass man Menschen in seiner Nähe Mut und Hoffnung schenken kann – und dass es dafür gar nicht viel braucht? Und würde dieses gute Gefühl womöglich sogar Kraft geben, den Wahnsinn der Welt ein bisschen gelassener zu ertragen?
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Bis zum nächsten Mal: alles Gute!
Andreas

