„Es ist wichtig, Mut zu haben“
Alex Melcher erzählt, warum das Musical „Die Weiße Rose“ so viele Menschen berührt
Im Urlaub habe ich mit meiner Familie im Festspielhaus Neuschwanstein das Musical „Die Weiße Rose“ gesehen. Es war schockierend, aufrüttelnd, berührend. Ein Meisterwerk, das zeigt, wie moderne Erinnerungskultur funktioniert. Alex Melcher und Vera Bolten haben das Musical gemeinsam entwickelt. Im Interview hat der Musiker Melcher (55) mir erzählt, was es verändern soll – und was wir von der Weißen Rose für den Kampf gegen Rechtsextremismus heute lernen können.
Am Ende eures Musicals haben viele Zuschauer geweint, waren sprachlos und zutiefst berührt. Hast du damit gerechnet?
Ich hatte es mir erhofft, denn wir haben die Emotionalität der Geschichte bewusst nicht umgangen. Wir wollten sie den Zuschauern zumuten. Ich hätte es fatal gefunden, auf diese Emotionalität zu verzichten. Bei einer Komödie würde man ja auch nicht sagen: „Okay, den Witz können wir jetzt aber nicht bringen, weil das sonst zu lustig ist.“
Die Stimmung danach war ganz anders als sonst nach einem Musical.
Das stimmt, und natürlich hat es sich schon komisch angefühlt, das zu sehen. Normalerweise lachen die Leute, sind fröhlich und laut. Nach unserem Stück war es sehr still. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass die Leute deprimiert sind. Eher, dass sie wirklich berührt sind und auf eine gewisse Art traurig. Das Mitgefühl und die Empathie, die da zu spüren waren, habe ich als etwas ganz Besonderes empfunden – erst recht, weil sie sonst in unserer Gesellschaft heutzutage so oft fehlen. Es war schön zu spüren: Wir können die Leute bewegen.
Ihr habt nach den Stücken immer Nachbesprechungen mit Schauspielern und Publikum gemacht. Was haben die Leute da gesagt?
Manche wollten einfach loswerden, wie toll sie die Aufführung fanden. Andere waren sehr aufgewühlt. Und viele haben gesagt, wie wichtig es wäre, dass wir das Stück an so vielen Theatern wie möglich spielen – und dass es für sie eine ganz neue Art von Erinnerungskultur ist.
Das habe ich auch sofort gedacht.
Manche Leute haben erzählt, dass sie sich große Sorgen machen, wie es mit der Erinnerungskultur weitergehen soll – weil immer mehr Zeitzeugen sterben und in vielen Familien gar nicht mehr über den Horror der Nazizeit geredet wird.
Bei eurer letzten Aufführung war Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zu Gast, und er hat genau dieses Thema angesprochen. Er hat euer Musical in höchsten Tönen gelobt – als bewegendes Beispiel für kulturelle Verantwortung und erinnerungspolitisches Engagement.
Dieses Lob hat uns sehr berührt. Es hat uns wirklich umgehauen. Der Kulturstaatsminister hat gesagt, er wolle das Stück in so vielen Städten wie möglich sehen – und er werde uns dabei unterstützen, dass das funktioniert.
Welche Reaktionen habt ihr sonst noch bekommen?
Gott sei Dank nie wirklich schlechte. Nie hat sich jemand darüber beschwert, dass unser Musical eben keine schwungvolle, leichte Show ist, kein nettes Entertainment. Immer hat man gespürt, dass es die Leute mitgenommen hat.
Hattet ihr da vorher Bedenken?
Wir waren schon skeptisch, ob es gut ist, in zwei eher kommerzielle Theater wie das Festspielhaus Neuschwanstein und das Deutsche Theater München zu gehen. Wir dachten: Oje, können die Leute damit was anfangen? Und natürlich haben wir auch viel Gegenwind bekommen für die Idee, aus diesem Thema ein Musical zu machen.
Das klang ja auch gewagt.
Aber jetzt hat es funktioniert. Das motiviert mich sehr. Und es zeigt mir: Man sollte die Zuschauer nie unterschätzen. Sie waren regelrecht dankbar, dass mal ein Stück mit so einer Relevanz auf die Bühne kommt.
Für uns war das Erfolgsgeheimnis, dass ihr mit eurem Musical nicht nur die Köpfe erreicht habt, sondern auch die Herzen – weil ihr die Geschichte der Weißen Rose so wunderbar emotional erzählt habt.
Natürlich habe ich mir insgeheim gewünscht, dass unsere Idee so gut funktioniert. Bei unserer Regisseurin Vera Bolten und mir stand der Respekt vor den Mitgliedern der Weißen Rose immer an oberster Stelle. Wir haben versucht, diesen Menschen und ihrer Geschichte gerecht zu werden – mit unseren Mitteln und unserer Musik. Natürlich war das alles ein Risiko. Es ist ein tolles Gefühl, jetzt so viel Zuspruch zu kriegen.
Uns ist aufgefallen, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler beim Schlussapplaus sehr mitgenommen wirkten. Einige kämpften mit den Tränen und erzählten, wie schwer es ihnen gefallen ist, bei den dramatischsten Szenen der Aufführung nicht zu weinen. Wie hast du ihre Leistung erlebt?
Vera und ich wussten, dass wir uns ganz genau überlegen müssen, wen wir in unser Team nehmen. Wir haben Leute gesucht, die aus ähnlichen Gründen wie wir hier mitmachen. Leute mit Idealismus und Respekt vor der Weißen Rose – und mit der Bereitschaft, die Botschaft dieser Widerstandskämpfer nach draußen ans Publikum zu bringen.
Diese Leute habt ihr gefunden. Sie haben fantastisch gesungen und gespielt und ihre Rollen wahnsinnig überzeugend gelebt.
Ja, auch für mich war es toll zu sehen, wie die Darstellerinnen und Darsteller die Botschaft der Weißen Rose zum Leben erwecken und zu hundert Prozent dahinterstehen und die Dringlichkeit der Geschichte rüberbringen. Sie sind da wirklich voll reingegangen. Und wenn man das tut, dann verlangt diese Show einiges von einem, auch emotional. Bei jedem anderen Musical werden die Leute auf der Bühne am Ende mit einer Gute-Laune-Nummer verabschiedet. Bei uns nicht. Das Stück endet in Stille.
Was ist für dich die Kernbotschaft dieses Stücks?
Die Kernaussage ist für mich eine Textzeile aus einem Flugblatt der Weißen Rose: „Jeder muss sich seiner Verantwortung stellen.“
Was bedeutet sie dir?
Man kann so vieles daraus ziehen. Zum Beispiel, dass es wichtig ist, Kraft und Mut zu haben, sich gegen Gruppendynamiken zu stellen und zu sagen: „Stopp! Was hier passiert, das ist nicht vereinbar mit meinen Werten. Das sage ich und dazu stehe ich – egal, was ihr denkt.“
An einigen Stellen konfrontieren die Schauspieler das Publikum sehr direkt mit ihrer Verantwortung. Sie singen ihnen laut, fast wütend ins Gesicht: „Die Weiße Rose lässt euch keine Ruhe. Wir schweigen nicht mehr, sind euer böses Gewissen.“ Was wollt ihr damit bewirken?
Das ist ja eines von vielen Originalzitaten aus den Flugblättern der Weißen Rose. Es zeigt das Bedürfnis der Gruppe, das Volk direkt anzusprechen. Wir versuchen diese Energie mit diesem sehr rockigen Lied zu reproduzieren. Wenn man genau hinguckt, sieht man, dass wir an einer Stelle dazu Bilder einspielen von anderen modernen Freiheitskämpfern, zum Beispiel Alexej Nawalny.
Warum?
Damit wollen wir deutlich machen: Es gab und gibt in der Geschichte immer Widerstandskämpfer. Es gab und gibt immer wieder Menschen, die für die richtige Sache eintreten und dafür ihr Leben aufs Spiel setzen. Und diese Widerstandskämpfer lassen euch keine Ruhe. Sie sind da, sie tun etwas und appellieren an eure Verantwortung. Sie sind euer schlechtes Gewissen und ermahnen euch, etwas zu tun – für Freiheit und Gerechtigkeit und gegen rechtes Gedankengut.
Unsere Söhne waren nach der Vorstellung sehr aufgewühlt und haben gefragt: „Aber was können wir denn jetzt tun, heute, gegen die AfD?“ Was würdest du ihnen antworten?
Was wir heute tun können? Als erstes: Menschen in unserem Umfeld aufklären; rechten Parolen widersprechen; aufzeigen, wie Propaganda funktioniert. Natürlich war es unser Ziel, dass Jugendliche sich solche Fragen stellen wie deine Söhne. Aber wir haben gesagt, es wäre schon toll, wenn unser Stück Interesse weckt, sich über die Weiße Rose zu informieren. Dann hätten wir schon viel erreicht. Denn Aufklärung und Bildung ist die größte Waffe gegen die rechte Propaganda, die besonders in den sozialen Netzwerken erschreckend gut funktioniert.
Was können wir von den Mitgliedern der Weißen Rose für den Kampf gegen Rechtsextremismus heute vor allem lernen?
Wir können von ihnen lernen, was man gemeinschaftlich alles erreichen kann. Wir können lernen, selbstständig zu denken und nicht einfach mitzulaufen. Und wir können lernen, dass Menschen sich wandeln können. Besonders das ist es, was die Geschichte der Weißen Rose für mich so stark und mutig macht.
Du meinst, weil Hans und Sophie Scholl anfangs begeisterte Hitler-Anhänger waren?
Genau. Sie waren zuerst überzeugt davon, dass die Nazi-Ideologie eine super Sache ist. Aber dann hat in ihnen eine Veränderung stattgefunden. Sie haben Dinge hinterfragt. Sie haben gespürt: Da stimmt etwas nicht, da finde ich etwas nicht okay. Sie haben sich komplett gewandelt. Die Scholls waren keine Superhelden von Anfang an. Sie sind einen Weg gegangen. Und sie haben zu ihren Werten gestanden. Das macht sie so menschlich.
Wie hat dich die intensive Beschäftigung mit der Weißen Rose verändert?
Vor allem haben mich die vielen positiven Reaktionen verändert. Ich habe dadurch wieder ein bisschen Hoffnung bekommen, dass sich vielleicht doch noch was bewegen lässt gegen den Rechtsruck in unserer Gesellschaft und dass wir das Schlimmste vielleicht noch abwenden können.
Du klingst sehr besorgt.
Ich mache mir auch Sorgen. Es war anstrengend, sich bei der Arbeit an unserem Musical über Jahre tagtäglich mit der Nazizeit zu beschäftigen und die Parallelen zu unserer Zeit heute zu sehen. Manchmal bin ich daran verzweifelt, dass man ähnliche Parolen wie damals nun wieder hört, dass wir Rückschritte bei Offenheit und Toleranz machen und dass Hass wieder salonfähig zu werden scheint.
Wie hast du das bei der Arbeit an eurem Musical ausgehalten?
Das war wirklich hart. Ich habe oft zu meiner Frau gesagt: „Das nächste Stück, das ich schreibe, muss von Hundebabys handeln“ – so niederschmetternd war die Auseinandersetzung mit diesen rechten Parolen. Aber andererseits wäre ich nicht zufrieden, wenn ich es nicht getan hätte. Ich hatte das Gefühl, ich muss tun, was ich tun kann. Und als Künstler ist dieses Musical meine Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten.
Als du mit Vera Bolten vor sechs Jahren mit der intensiven Arbeit an dem Musical begonnen hast, konntet ihr noch nicht ahnen, wie aktuell es werden würde.
Ja, und je mehr sich die Zeiten verändert haben, desto mehr ist dieses Stück für mich zu einer Art Protest geworden. Gegen die ganze rechte Gesinnung. So etwas wie in der Nazizeit darf nie wieder passieren!
Wisst ihr schon, wie es mit eurem Musical jetzt weitergeht?
Weitergehen soll es Anfang, Mitte 2026 – wieder in Füssen und München. Wir sind dem Festspielhaus sehr dankbar, dieses Risiko mit uns eingegangen zu sein. Ohne sie wäre dieses Stück nicht so schnell auf die Bühne gekommen. Danach soll es dann in vielen weiteren Städten gespielt werden, unter anderem in Hamburg und Berlin. Dass wir in der Presse so überragende Kritiken bekommen haben, stärkt uns jetzt natürlich den Rücken. Wir merken: Unser Stück stößt auf großes Interesse.
So, liebe Leute, eine Bitte habe ich noch: Helft mir, das so großartige wie wichtige Musical „Die Weiße Rose“ bekannter zu machen! Teilt dieses Interview in allen sozialen Netzwerken. Empfehlt es in eurem WhatsApp-Status, auf Instagram, Facebook und LinkedIn. Geht ganz einfach – mit diesem Link:
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Bis zum nächsten Mal: alles Gute!
Andreas

