„Es gibt eben auch das Gute“
Ursula Ott erzählt, was Zuversicht in unserer Krisenwelt verändert
Gespräche mit Ursula Ott sind unglaublich inspirierend. Die 62 Jahre alte Chefredakteurin des Magazins Chrismon denkt konstruktiv, sucht Lösungen für Probleme – und kämpft für Zuversicht in einer Gesellschaft, die manchmal zu verzweifeln droht. Im Interview hat sie mir erzählt, warum ihr das so wichtig ist.
Wenn du zurzeit auf die Welt schaust, wie zuversichtlich bist du dann?
Ich finde es im Moment wie so viele Menschen sehr, sehr schwierig, morgens aufzustehen und halbwegs fröhlich auf die Welt zu blicken. Ich schaue früh immer direkt in die unterschiedlichsten Onlinemedien – und es ist schon nicht leicht, dabei den Kopf oben zu behalten bei all den Schreckensmeldungen von Trump, Putin und der AfD.
Was hilft dir in all dem Irrsinn?
Ich bin dankbar, dass ich als Journalistin bei Chrismon ein bisschen was für mehr Zuversicht tun kann, nämlich: Hoffnungsgeschichten erzählen. Wir bringen nur Geschichten, bei denen es wenigstens den Ansatz einer Lösung für ein Problem gibt, einen Schimmer von Hoffnung. Das macht auch mit meiner Seele was. Ich glaube, wenn ich in einer Nachrichtenredaktion sitzen würde und den ganzen Tag schlechte Nachrichten verbreiten müsste, hätte ich ein Problem – denn diese Nachrichten rauben mir oft echt die Hoffnung. Seit einiger Zeit mache ich aber jeden Abend was dagegen.
Was denn?
Wenn ich nach Hause komme und mein Mann fragt, wie es heute war, versuche ich immer, auch etwas Positives zu erzählen. Das ist mir besonders wichtig, weil zum Weltgeschehen leider dazukommt, dass unser Beruf ja auch schwierig geworden ist. Wir haben hier bei Chrismon, wie fast alle Medien, viel mit schrumpfenden Finanzen, Einsparungen und Neustrukturierungen zu tun. Das drückt aufs Gemüt. Umso wichtiger ist es, nicht den Blick dafür zu verlieren, dass es an jedem Tag eben auch das Gute gibt.
Was sind das für positive Dinge, von denen du erzählst?
Zum Beispiel, dass eine unserer Hoffnungsgeschichten online richtig gut gelaufen ist. Oder dass eine Geschichte etwas bewirkt hat. Wir hatten mal eine Geschichte über die Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom, die es wirklich schwer hat im Leben. Sie hat erzählt, sie würde so gerne mal mit ihrem Kind nach Schottland fahren. Fünf Leute haben sich daraufhin gemeldet und gesagt: „Ich finanziere die Reise.“ Unsere Leserinnen und Leser helfen sehr gern. Das macht mich glücklich, und es gibt mir Zuversicht.
Warum ist Zuversicht eigentlich wichtig?
Wenn wir die Zuversicht verlieren, sind wir nur noch angstgesteuert. Und aus Angst heraus entstehen kein gutes Handeln und keine gute Politik. Wir müssen uns unsere Handlungsfähigkeit aber erhalten, wenn unser Land irgendwie zusammenbleiben und nicht in lauter Extreme auseinanderfliegen soll. Ob in Parteien, in Vereinen oder in Schulen – überall brauchen wir Menschen, die mit einer Grundzuversicht in die Welt schauen, sich einbringen und sie gestalten wollen. Wenn Menschen sich nur um ihr Privatleben kümmern, reicht das nicht.
Warum nicht?
Das hat Stephan Grünewald, einer der schlauesten Psychologen im Lande, bei unserem Chrismon-Zuversichtskongress im vergangenen Jahr schön erklärt. Er sagte: Die Menschen in Deutschland sind im Privaten megazuversichtlich. Sie heiraten, sie kriegen Kinder, sie kochen und backen. Sie sind handlungsfähig und treffen gute Entscheidungen. Das Problem ist: Viele ziehen quasi einen Vorhang runter zur Außenwelt. Was diese Außenwelt angeht, sind sie komplett pessimistisch. Sie wollen keine Nachrichten mehr sehen und finden alles schrecklich. Grünewald hat sehr anschaulich erklärt, warum es gefährlich ist, wenn jeder nur noch in seiner Hütte hockt, Home Office macht, Marmelade einkocht, Netflix guckt und sich für den Rest der Welt nicht mehr interessiert.
Und? Warum ist es gefährlich?
Weil Menschen, die nie mehr rausgehen, zu wenig mitbekommen, wie andere Leute ticken. Leute, die nicht so sind wie sie und die ihr Blickfeld erweitern könnten. Treffen mit solchen Leuten sind aber wichtig. Ich habe mir deshalb für dieses Jahr vorgenommen, einmal in der Woche zu einer Lesung zu gehen – einfach um unter Menschen zu kommen, die ich nicht sowieso schon den ganzen Tag sehe.
Inwiefern helfen dir diese Lesungen, Zuversicht zu schöpfen?
Dort macht mich zuversichtlich, dass so viele Menschen Bücher lesen und schreiben. Dass Buchhändlerinnen sich abends extra dahinstellen und Bücher empfehlen. Und dass ich unter all diesen Menschen das Gefühl habe, ich bin nicht allein mit meinen Sorgen um die Welt. Die anderen Menschen sind auch besorgt, und vielleicht haben sie eine andere Strategie gefunden, damit umzugehen. Dann ist man schon zu zweit oder zu dritt. So entsteht Hoffnung.
Fällt dir das leicht: abends nach einem langen Tag noch mal loszugehen?
Längst nicht immer, nein. Ich muss mir da oft einen Schubs geben, denn die Arbeit ist schon anstrengend. Vielleicht ist dann noch Glatteis. Da würde ich auch am liebsten auf meinem Sofa sitzen bleiben. Aber jedes Mal, wenn ich dann doch rausgegangen bin und andere Menschen getroffen habe, am besten engagierte, bin ich anschließend viel zuversichtlicher.
Woran merkst du, ob du gerade zuversichtlich bist?
Ich habe dann bessere Laune. Und ich mache mehr Pläne. Neulich habe ich zum Beispiel mit meinen Söhnen darüber gesprochen, dass wir im Sommer ein schönes Fest feiern wollen. Weißt du, wenn du nicht zuversichtlich bist, dann brauchst du eigentlich auch nicht zu planen – weil du denkst, die Welt geht eh bald unter. Aber wenn du dir eine Grundzuversicht erhältst, dann sagst du dir: Irgendwie wird die Welt sich schon weiterdrehen. Es gibt Hoffnung, und ich werde gebraucht, damit Schlechtes besser wird.
Du bist evangelische Christin. Wie sehr hilft dir dein Glaube dabei, zuversichtlich zu bleiben?
Er hilft sehr. Denn er sagt mir: Ich werde geliebt – egal, ob ich etwas gut mache oder nicht. Und in diesen schwierigen Zeiten mache ich bestimmt vieles nicht gut. Was mir auch total hilft, ist, dass im Namen Gottes so viele Menschen zusammenkommen und so tolle Sachen machen.
Wo erlebst du das?
Vor kurzem war ich in meiner Heimatstadt Ravensburg. Da findet jedes Jahr drei Wochen lang die Vesperkirche statt: Jeden Mittag werden in der Kirche 670 Essen ausgegeben. Da sitzen dann wohlhabende Bürgerinnen und Bürger, aber auch viele Obdachlose, und alle kriegen warmes Essen. Es kommen auch ein Arzt, ein Fußpfleger und ein Friseur. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot für die Obdachlosen. Für dieses Angebot werden sehr viele Ehrenamtliche gebraucht, aber das Schöne ist: Jedes Jahr wollen noch mehr Menschen helfen, als gebraucht werden. Das ist Christentum at its best. Eine absolute Erfolgsstory.
Wann hast du eigentlich zum ersten Mal gemerkt, dass Zuversicht dringend gebraucht wird?
Das ist schon ein bisschen länger so: dass die Leute regelrecht lechzen nach einem zuversichtlichen Blick auf die Welt. Nicht erst seit Trump, nicht erst seit Russlands Angriffskrieg in der Ukraine, nicht erst seit Corona. Ich habe das so richtig für mich entdeckt, als ich vor 20 Jahren bei Chrismon angefangen habe. Ich glaube, ein Grund, warum ich mich hier beworben habe, war, dass ich nach der Lektüre des Heftes ein gutes Gefühl hatte. Das Gefühl, ich kann etwas bewirken. Seither beschäftigt mich das Thema und ich treibe es voran.
Du hast vorhin den Zuversichtskongress erwähnt, den ihr zum 25-jährigen Jubiläum von Chrismon veranstaltet habt. Was war die Idee dabei?
Naheliegend wäre zum Jubiläum ein Festakt gewesen, bei dem Bischöfe und Herausgeberinnen viele Reden und Grußworte halten. Wir haben überlegt, ob es vielleicht doch was Spannenderes gibt. Und sind auf die Idee mit dem Kongress gekommen. Wir wollten auf jeden Fall was mit unseren Lesern und Leserinnen machen – und ihnen was bieten. Also haben wir uns gefragt: Was wollen die Leute? Vielleicht wollen sie zuversichtlicher werden, weil die Zeiten ja tatsächlich hart sind. Natürlich kann man Zuversicht nicht an einem Tag lernen. Aber man kann einen Anfang machen. Und es hat wirklich super funktioniert.
Inwiefern?
Funktioniert hat die Mischung, die wir uns überlegt hatten: Es gab ohne Ende Fachwissen, aber eben auch Spaß. Eine Psychologin hat erklärt, wie wir an der Klimakrise nicht verzweifeln. Eine Meditationstrainerin hat gezeigt, wie wir kurze Meditationen in den Alltag einbauen können und dadurch Zuversicht gewinnen. Eine Frau, die ein Kind durch Suizid verloren hat, hat erzählt, wie wir Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen besser helfen können. Und mittendrin hat ein Kirchenmusiker wahnsinnig gut Kirchenlieder gespielt.
Klingt toll!
Ja, dabei hatte ich vorher ein bisschen Bedenken, ob die eher weltliche Klientel das mit der Kirchenmusik zu fromm findet. Aber anschließend habe ich von vielen Leuten gehört, dass genau das das Gute für sie war. Es waren viele Bankerinnen und Banker aus der Frankfurter Finanzwelt da. Die haben gesagt, sie sind ständig auf Kongressen, aber dass zwischendurch alle zusammen ein Kirchenlied singen, das hätten sie echt noch nie erlebt. Und wow, was eine Stimmung! Ich habe da echt tolle Leserinnen und Leser kennengelernt. Darf ich ein Beispiel erzählen?
Na klar!
Wir haben bei dem Kongress Fragebögen verteilt, und eine Leserin hat darauf geschrieben, dass sie den Kongress wunderbar fand und dass sie selber auch einen Zuversichts-Newsletter schreibt und Zuversicht in Unternehmen vermittelt und was für eine irre Lebensgeschichte sie hat. Diese Frau habe ich danach direkt besucht und interviewt.
Was ist an ihrer Geschichte denn so irre?
Sonja Schöntauf, so heißt sie, hat musikogene Epilepsie. Das heißt: Sie kriegt Epilepsieanfälle, wenn sie eine bestimmte Musik hört. Leider genau die Musik, die ans Herz geht: Kirchenmusik, Gospels und so. Im Interview hat sie erzählt, wie sie trotz dieser chronischen Erkrankung versucht, ihren Spielraum zu erweitern, und wie sie trotzdem zum Kirchenchor geht. Das war für mich so ein schönes Beispiel, was Zuversicht bewirken kann, im Kleinen wie im Großen. Da hat ein Mensch ein schweres Schicksal, hadert vielleicht erst damit, akzeptiert es dann aber irgendwann und sagt: Ich will jetzt ein gutes Leben, trotz allem.
Gibt es noch andere Interviewpartner, die dir in letzter Zeit Zuversicht gegeben haben?
Ja, wir haben kürzlich ein Interview mit dem Pastor Sergio Amezcua aus Minneapolis gebracht. Der hat mir wirklich irre viel Zuversicht gegeben, in diesem Wahnsinn in den USA. Er sorgt mit seiner Gemeinde dafür, dass Leute überhaupt noch Essen kriegen, die sich nicht mehr in den Supermarkt trauen – aus Angst, dass sie von den ICE-Truppen festgenommen werden.
Was hat dir sein Beispiel gezeigt?
Es hat mir gezeigt, was möglich ist, wenn Menschen zusammenhalten. Und dass es auch Kirchengemeinden gibt, die sich nicht infizieren lassen von der evangelikalen Hasspropaganda, die in den USA so verbreitet ist. Der Pastor arbeitet mit den anderen Weltreligionen zusammen, da helfen Buddhisten, Muslime und evangelische Christen gemeinsam. Ich glaube, solche Geschichten aus den USA müssen wir unbedingt erzählen, denn sonst hat man das Gefühl, die USA sind rettungslos verloren, die sind nicht mehr unsere Freunde. Politisch mag das zurzeit stimmen. Aber es gibt in den USA eben auch noch die Guten. Es gibt ganz viele Menschen, die sich gegen das Böse wehren.
Wie versuchst du deinen Söhnen Zuversicht zu vermitteln? Sie wachsen ja in eine Welt hinein, an der man schon verzweifeln kann.
Ein Beispiel: Mein einer Sohn hat internationale Entwicklung studiert, spricht fließend Suaheli, ist engagiert, hat aber trotzdem keine Stelle gefunden – weil es in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit einfach überhaupt kein Geld und keine Jobs mehr gibt. Das hat unsere ganze Familie ein halbes Jahr sehr mitgenommen, dass er arbeitslos war. Mir war es in dieser schwierigen Zeit wichtig, immer zu sagen: „Es ist nicht alles Scheiße, auch wenn es gerade so aussieht! Es war nicht verkehrt, das zu studieren. Du hast da ganz viel mitgenommen, was dir im Leben noch helfen kann.“
Inwiefern?
Mein Sohn ist jetzt Lehrer an einer Grundschule – und engagiert sich ehrenamtlich in der Entwicklungszusammenarbeit. Und wer weiß: Vielleicht kann er sein Wissen an der Schule noch gut gebrauchen – im Umgang mit Kindern aus aller Welt, die in Deutschland gestrandet sind.
Was tust du noch, damit deine Kinder zuversichtlich in die Zukunft blicken können? Das ist ja auch wegen der eskalierenden Klimakrise nicht einfach.
Ich finde, das Wichtigste ist, so zu leben, dass sie merken: Wir haben verstanden, wie dramatisch das Problem ist. Konkret: Ich versuche schlicht und ergreifend, nicht mehr zu fliegen und möglichst wenig CO₂ zu verballern. Ich bin jetzt Anfang sechzig und finde, das ist das Mindeste, was unsere Generation tun kann. Denn wir haben unser Konto schwer überzogen. Ich meins auf jeden Fall. Es gibt in meinem Alter viele, die sagen: „Für mich wird es schon noch reichen – nach mir die Sintflut.“ Diese Haltung finde ich schlimm. Wir sind viel geflogen, wir sind viel Auto gefahren. Jetzt können wir der nächsten Generation zumindest zeigen: Es geht auch anders.
Wie würde es unsere Gesellschaft verändern, wenn mehr Menschen zuversichtlicher wären?
Wenn Leute nach Deutschland kommen, sagen sie oft, dass wir hier so mürrisch sind und uns oft an Kleinigkeiten festhalten, die schlecht laufen. Ich glaube, es würde uns in der Welt ein bisschen sympathischer machen, wenn wir zuversichtlicher wären. Und jede und jeder von uns würde morgens vielleicht auch etwas lieber aufstehen. Das wäre doch schön. Das wäre schon mal ein Anfang.
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Bis zum nächsten Mal: alles Gute!
Andreas

