„Das ist wie eine Droge“
Wie der Lehrer Jonas Klee zum Comedian Quichotte geworden ist
Kürzlich haben wir einen Auftritt des fantastischen Kölner Comedians Quichotte gesehen – und Tränen gelacht. Irgendwann hat er beiläufig gesagt, dass er seinen Job als Lehrer gekündigt hat, um auf die Bühne zu gehen. Krasses Wagnis! Im Interview hat Quichotte alias Jonas Klee mir erzählt, was ihn dazu getrieben hat und warum er den Schritt trotz mancher Sorgen bis heute nicht bereut.
Du hast Lehramt studiert und nach dem Referendariat noch ein Jahr als angestellter Lehrer an einem Gymnasium in Köln gearbeitet. Wie fandest du das damals?
Ich habe die Arbeit mit den Kindern sehr, sehr gerne gemacht und eine Menge Spaß daran gehabt.
Trotzdem hast du gekündigt.
Ja, denn es hat mich immer schon auf die Bühne getrieben und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich das nicht mal probiere: das zu meinem Lebensmittelpunkt zu machen.
Wie war die Kündigung für dich?
Ich habe mir die Entscheidung echt nicht leicht gemacht. Ich hatte damals eine siebte Klasse als Klassenlehrer und ich hatte eine starke Bindung zu den Kindern. Viele von ihnen waren sehr traurig, als ich ihnen erzählt habe, dass ich gehe. Da sind auch Tränen geflossen, bei den Schülern und bei mir. Aber ich musste diesen Schritt einfach machen. Sonst wäre ich vielleicht hängengeblieben im System Schule – und hätte die Chance meines Lebens verpasst.
Was war es, was dich so sehr auf die Bühne getrieben hat?
Es hat mir schon immer unfassbar viel Spaß gemacht, Faxen zu machen und Menschen zum Lachen zu bringen. Und ich habe immer schon hobbymäßig nebenbei in drei Genres gearbeitet: Musik, Standup-Comedy und Schreiben. Nur fehlte mir die Zeit, das neben der Arbeit in der Schule vernünftig zu machen. Ich wollte das aber. Wenn ich auf der Bühne stehe, spüre ich das Adrenalin. Und wenn ein Witz funktioniert, den ich mir ausgedacht habe, das ist großartig. Das ist ein bisschen wie eine Droge. Am schönsten ist es, wenn mir ein Bauchlacher gelingt. Also ein Witz, bei dem die Leute die Pointe gar nicht kommen sehen und es dann so aus ihnen herausbricht.
Was hat dir geholfen, den Schritt von der Schule auf die Bühne wirklich zu wagen?
Mein Kollege Patrick Salmen und ich haben damals die Idee zu einem literarischen Rätselbuch gehabt. Und wir haben überlegt, es wäre doch schön, wenn wir eine Bühnenshow zu dem Buch machen würden. Das Interesse daran war groß, wir hatten schnell eine Tour mit 25 Terminen zusammen.
Klingt super.
Ja, aber das hätte ich als Lehrer einfach nicht geschafft. Da kann ich ja nicht sagen: „Ach übrigens, ich bin jetzt für ‘nen Monat raus.“ Das funktioniert nicht. Also habe ich alles auf eine Karte gesetzt und der Schulleitung gesagt: „Es tut mir echt leid, aber ich kündige.“
Wie hat die Leitung reagiert?
Die hatten alle superviel Verständnis und haben gesagt: „Wenn du irgendwann wieder denkst, du willst zurück in den Schuldienst, dann melde dich bitte zuerst bei uns.“ Das war total nett.
Hat deine Frau auch so nett reagiert?
Die hat das total unterstützt.
Und deine Eltern, Freunde und Kollegen? Hat niemand gesagt, du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank?
Doch, klar! Alle Referendarskollegen haben gesagt: „Du bist vollkommen wahnsinnig! Ey, du hättest nächstes Jahr die Beamtenstelle sicher! Wie kannst du das aufgeben?“ Meine Eltern sind auch nicht gerade übergeschäumt vor Freude. Die haben gedacht: Das ist ein Stunt, der sich finanziell wahrscheinlich erst mal nicht trägt. Viele Freunde haben aber auch gesagt: „Eigentlich war das immer dein Ding. Dass du das machst, war irgendwie logisch.“
Wie oft hattest du Angst, dass deine Bühnenkarriere finanziell wirklich scheitert?
Oft. Und eigentlich habe ich diese Existenzangst immer noch – obwohl es echt gut läuft und sich alle Sorgen als unbegründet herausgestellt haben. Ich glaube, ich bin ein Mensch, der Sicherheit braucht – vielleicht habe ich auch deswegen erst einen Job gewählt, bei dem ich verbeamtet werden kann.
Was war damals, als du deinen Lehrerjob gekündigt hast, finanziell euer Plan?
Meine Frau war damals gerade mit dem Studium fertig. Wir hatten noch keine Kinder und deshalb auch nicht so hohe Lebenshaltungskosten. Und wir haben uns gesagt: Das mit der Bühnenkarriere, das muss ja nichts für immer sein. Ich probiere das jetzt halt und wenn es nicht funktioniert, kann ich drei Jahre später immer noch sagen: Das war’s, ich gehe zurück in die Schule. Deswegen war das Risiko nicht endlos hoch. Außerdem habe ich gedacht: So 1000, 1500 Euro im Monat bringst du immer irgendwie nach Hause.
Wie ist der erste Auftritt nach der Kündigung gelaufen?
Das war kein Auftritt auf der Bühne, sondern ein Job für den WDR: Ich habe aus Märchen einen Song gebastelt – direkt zu Beginn der Sommerferien. Ich weiß noch, dass ich damals unfassbar erschöpft war. Im ersten Jahr als angestellter Lehrer hatte ich mich kraftmäßig ziemlich ausgebeutet. Ich wollte den Job ja gut machen, ich war direkt Klassenlehrer mit voller Stundenzahl und musste extrem viel vorbereiten. Als ich nach diesem Jahr dann im WDR-Studio für die Aufnahme saß, habe ich gedacht: Boah, eigentlich solltest du dich erst mal zwei, drei Wochen hinlegen. Ich brauchte ein bisschen, um reinzukommen in die neue Welt.
Wie hat sich deine Karriere dann entwickelt?
Ich habe nach und nach ein Gefühl dafür entwickelt, was und wie ich gerne erzählen möchte, wie das bei den Leuten ankommt – und wie ich mich vermarkten muss, damit sie überhaupt Karten für meine Shows kaufen. In den ersten Jahren habe ich oft vor 25, 30 Leuten gespielt. Das war wirklich schwierig.
Hast du da manchmal gedacht: Scheiße, das wird nichts?
Ja, das habe ich ganz oft gedacht. Ich war oft enttäuscht. Aber dann gab es auch immer wieder Lichtblicke zwischendurch, Abende mit 200 Zuschauern. Und ich merkte: Ah, anscheinend geht‘s ja doch! Viele Menschen haben mir immer wieder Mut gemacht: „Ey, das wird schon! Du musst einfach am Ball bleiben.“
Wer zum Beispiel?
Jochen Malmsheimer, ein großartiger Comedian und Wortakrobat, hat mir mal gesagt, er habe die ersten zehn Jahre nur vor Möbeln gespielt. Also habe ich mir in meinem vierten Jahr gesagt: „Mensch, wenn das bei dem so war, dann kannst du auch noch sechs Jahre vor 25 Leuten spielen.“
Aber das musstest du nicht.
Zum Glück. Irgendwann ist es stetig mehr geworden mit den Zuschauern. Irgendwann kamen auch mal 300 Leute und ich habe gemerkt: Die hätte ich gerne immer. Ich brauche keine riesigen Hallen, ich brauche nicht Tausende Zuschauer. 300 Leute, das ist geil.
Als wir dich neulich bei einem Auftritt in der Oberschule in Dinklage gesehen haben, waren etwa 100 Leute da – und wir haben Tränen gelacht. Der Abend war wirklich sensationell.
Ja, für mich auch. Ich hab einfach Ultrabock darauf, mein Programm zu spielen und mit den Leuten zu interagieren.
Du hast uns in der Pause gebeten, Wörter auf Zettel zu schreiben – und nach der Pause hast du aus diesen Wörtern dann spontan einen Rap gemacht, der unfassbar witzig war.
Danke! Diese Freestyle-Geschichten mache ich total gerne. Welches Wort hast du noch mal aufgeschrieben?
Dschungelgelöt – eines der schönsten Wörter, die die legendäre Telefonstreich-Combo „Studio Braun“ erfunden hat. Und meine Frau hat „Hausarztvermittlungsfall“ genommen.
Stimmt, ich erinnere mich. Aus solchen völlig verrückten Wörtern, die gar nichts miteinander zu tun haben, spontan einen halbwegs sinnvollen Freestyle zu machen – das finde ich spannend. Und durch die Wörter lerne ich ja auch was über die Leute, die sie geschrieben haben, und kann darauf eingehen.
Der direkte Kontakt zum Publikum ist dir wichtig, oder?
Absolut, ja. Auftritte in Fernsehshows sind doch oft sehr künstlich, mit den tausend Kameras, den Moderatoren und dem Publikum, das weiß: Wenn es auch nur halbwegs lustig ist, sollt ihr lachen und klatschen. Das Realste und Direkteste ist ein Live-Auftritt auf der Bühne – mit Leuten, die sich ausgesucht haben, da hinzukommen, und die einfach Bock haben, einen schönen Abend zu haben. Wenn man es schafft, die dazu zu bringen, sich kaputtzulachen oder auch mal gerührt zu sein von einem ernsten Gedicht, dann ist das die schönste Antwort, die man kriegen kann. Für diese Antwort fahre ich gern von Köln nach München und weiß: Da kennt dich keine Sau – und du musst die Leute trotzdem irgendwie begeistern.
Wie bringst du dir das Gagschreiben eigentlich bei?
Das ist learning by doing. Natürlich schaue ich mir auch bei anderen Comedians was ab. Aber das Wichtigste ist: auftreten, auftreten, auftreten – und verstehen lernen, was funktioniert und was nicht.
Übst du Gags zu Hause und nutzt deine Kinder als Testpublikum?
Die Kinder nicht, aber meine Frau. Das Problem ist nur: Sie ist viel zu gutmütig. Sie sagt fast immer: „Das ist total gut.“ Aber ich weiß: Nur, wenn sie richtig begeistert ist, ist es wirklich gut.
Du nennst dich Quichotte und siehst dich als Kämpfer gegen die Windmühlen der seichten Unterhaltung. Was genau meinst du damit?
Seichte Unterhaltung sind für mich Gags, die keinen Punch haben. Schlechte Witze aus dem Witzebuch. Sätze, bei denen du denkst: Da steckt nicht besonders viel Liebe hinter. Komiker, die nur auf Klischees herumreiten, ohne jeden Hintersinn. Und seichte Unterhaltung ist für mich auch gänzlich frei von irgendeiner gesellschaftspolitischen Position. Ich reite in meinem Programm nicht ständig auf Parteien und Politikern herum. Aber die Leute wissen am Ende, wo ich stehe – und das ist mir wichtig.
Wo stehst du denn?
Ich finde es wichtig, dass LGBTQ-Menschen nicht diskriminiert oder sogar angegriffen werden. Ich finde es wichtig, für sie Partei zu ergreifen. Ich denke bei jedem Menschen: Wenn du ein Arschloch bist, bist du ein Arschloch – und wenn du gut drauf bist, bist du gut drauf. Aber welche sexuelle Identität du hast, ist mir doch egal. Hass und Intoleranz kann ich generell nicht leiden – und Nazis schon gar nicht. Ich glaube, wir müssen als Gesellschaft viel mehr Zusammenhalt üben.
Wirst du für deine Position oft angefeindet?
Hin und wieder werde ich gern mal als linksgrünversifftes Arschloch bezeichnet, ja. Am Anfang habe ich mir das total zu Herzen genommen. Mittlerweile habe ich gelernt, damit umzugehen. Und wenn eine Beleidigung unter einem meiner Videos zu übel ist, lösche ich sie halt.
Könntest du dir vorstellen, jemals wieder Lehrer zu werden?
Wieder als Full-Time-Lehrer zu arbeiten, kann ich mir nicht mehr vorstellen, nein. Obwohl ich dieses Lehrer-Gen immer noch in mir spüre. Hin und wieder mache ich Workshops an Schulen. Und ich habe zwei Jahre lang Deutschunterricht für geflüchtete Kinder an der Grundschule meiner Kinder gegeben.
Hast du noch Kontakte zu Menschen aus deiner früheren Schule?
Ja, manchmal kommen Kinder aus meiner damaligen Klasse zu meinen Shows.
Echt? Wie cool!
Ja, das ist toll, wenn ich die da wiedersehe. Eine Schülerin wohnt mittlerweile in Friedrichshafen, und da bin ich aufgetreten. Am Ende der Show stand sie auf einmal vor mir und ich meinte so: „Das kann doch nicht wahr sein. Was machst du denn hier?“ Sehr lustig.
Wenn ich dir zuhöre, habe ich den Eindruck, du bist heute mit der Entscheidung von damals, mit dem Wechsel von der Schule auf die Bühne, total zufrieden, oder?
Zufrieden war ich damit von Anfang an. Ich habe nur erst nicht gewusst, wie gut und wie lange das funktioniert. Aber ich habe mir gesagt: Ich will lieber gnadenlos brutal scheitern, als es nie versucht zu haben. Klar, heute bin ich noch mal auf eine ganz andere, tiefere Weise zufrieden und glücklich mit der Entscheidung als damals. Aber an ihr gezweifelt habe ich nie. Nicht eine Sekunde.
Ziehst du das Bühnending jetzt durch bis zur Rente?
Ich denke immer in Zwei-Jahres-Rhythmen. Wenn ich für die nächsten zwei Jahre gebucht bin, weiß ich: Diese Jahre sind, wenn mir gesundheitlich nichts passiert, eigentlich safe. Und dann muss ich in dieser Zeit halt alles dafür tun, dass das in den nächsten zwei Jahren auch wieder funktioniert. Theoretisch kann das noch lange so gehen. Also: Wenn ich mit 75 noch Lust habe und gute Gags, dann stehe ich vielleicht auch mit 75 noch auf der Bühne.
So, liebe Leute, das war’s für heute. Zwei Tipps habe ich nun noch und eine Bitte.
Tipp Nummer 1: Folgt Quichotte auf Instagram und YouTube, um nichts von ihm zu verpassen. Und holt euch Tickets für seine Tour – er ist großartig! Hier sind die Termine.
Bitte Nummer 1: Hat euch dieses Interview gefallen? Dann teilt es in allen sozialen Netzwerken. Empfehlt es in eurem Whatsapp-Status, auf Instagram, Facebook und LinkedIn. Geht ganz einfach – mit diesem Link:
Tipp Nummer 2: Seid ihr neu hier und habt meinen Newsletter noch nicht abonniert? Dann tragt hier eure Mailadresse ein – und ihr bekommt automatisch alle zwei Wochen kostenlos meinen neuesten Text. Immer über die Frage, wie Veränderung eine Chance sein kann:
Bis zum nächsten Mal: alles Gute!
Andreas


